Mein Schicksal, Leben zu retten

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Beitrag zu unserem Geschichtenwettbewerb Ostern 2020

Es war dunkel. Schon längst erhellten nur noch die Feuer unser Lager. Ich hatte diese Nacht
keine Wache angemeldet. Es war einfach zu heiß gewesen an diesem Tag. Die Sonne brannte
erbarmungslos auf die Felder nieder, verwandelte Erde zu Staub, ließ Schweiß auf der Haut in
kleinen Nebeln verdunsten. Wasser heranzuschaffen war mühsam. Viele fielen…nicht nur des Kampfes wegen.
Mein ganzer Körper brennt noch immer vor angestauter Hitze. Ich trank viel an diesem Tag,
kühlte mich im Schatten, so einer vorhanden. Erst am Abend taten sich einzelne Wolken auf.
Trotzdem nur kleine Feuer. Ein brennendes Zelt will keiner.
Das Zelt des Händlers ist erfüllt mit leichtem Orangenduft, welcher aus Räucherwerk steigt.
Zwei Bedienstete betreuen die beiden Spieltische in der Mitte. Ich kenne ihre Namen nicht,
kenne nur einen der Spieler mit Namen. Doch sind mir alle Anwesenden vertraut. Ein kleines
Tablett mit Tee und Nüssen wird in der Runde herumgereicht. Der Tee ist süß, warm. Die
Nüsse salzig und scharf. Wir unterhalten uns. Mal ernst, mal spaßend. Es geht um die
Geschehnisse des Tages, Schlachten und Geschäfte. Alle hoffen wir auf ein kühleres Morgen.
Ich bin müde vom Tag. Viel bin ich gelaufen, viel habe ich gesehen. Manche habe ich geheilt,
andere zu Heilern gebracht. Ich war Zeugin eines Rituals und wirkte bei zweien aktiv mit.
Ja, ich bin Magierin und Heilerin. Doch keine Gute. Noch nicht. Meine Göttin schreibt mir
einen langen Weg vor. Nicht alles auf einmal. Kleine Schritte, doch diese perfekt.
Der Wunsch nach Schlaf übermannt mich immer mehr. Oft gähne ich und drifte für ein paar
Momente weg. Doch will ich noch nicht gehen. Die Atmosphäre ist entspannt. Gegensätzlich
zu dem, was ein Tag im Krieg so mit sich bringt.
Doch dann geschieht es: Gerade entschließe ich mich, doch mein Zelt aufzusuchen. Der Herr
der Händler entschuldigt sich kurz und begibt sich durch den Hintereingang seines Reiches.
Weit kommt er nicht. Wir hören Gerangel, ein leiser Schrei…nur noch ein gurgeln.
Für einen Wimpernschlag erstarrt das Zelt. „Heiler!!“ „Heiler, schnell! Holt einen Heiler!!“
Alles setzt sich in Bewegung. Ich brauche noch einen Moment, bis ich reagiere.
„Ich bin Heiler…Ich bin Heiler!!“, wiederhole ich laut und springe auf. Stürze zu der Gestalt
des Händlers, die sich am Boden windet; die Kehle haltend. Ich werde wieder hellwach und
bleich. Das Blut fließt schnell. Zu schnell. Ich habe keine Zeit!
‚Ruhig Mädchen! Ich helfe dir…‘ Die Stimme meiner zweiten Seele. Meines Beschützers.
Natürlich.
Meine Hände suchen die trockene Erde, benetzen sich mit ihrer. Nur mein Instinkt ist es, der
jetzt handelt.
Kurz nehme ich meine Gebetshaltung an. Flüstere. Dann legen sie die Hände um den Hals des
Geplagten. Keine Zeit zu überlegen, ob ich ihn damit nicht erwürge. Ich rufe die Macht in mir
an, rufe meinen Beschützer an. Verbinde mich mit der Natur.
Es zehrt mich auf. Es kostet Kraft. So müde…
Ein letztes flüstern. Die Wunde ist geschlossen. Doch was danach ist, dringt nicht mehr zu
mir. Schlaf übermannt mich. Denn es ist mein Schicksal, Leben zu retten.

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