Das Kind der See oder Vom Tuch im Haar

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Redaktionsbeitrag von Katz vom Team Andracor. Dies ist KEIN teilnehmender Beitrag am Geschichten Wettstreit 2020

Einst lebte ein Kind in einer großen Stadt am blauen Meer, weit im Süden der Welt. Ihre Haut war weiß wie Meeresschaum, ihre Augen Blau wie der Ozean selbst und das Haar so hell wie der Sand der Wüste, die hinter den großen Bergen im Norden lag. Ihr war es nicht erlaubt ein Tuch zu tragen um ihr Haupt vor dem All-Einen zu bedecken, so wie es alle anderen taten. Oft fragte sie die alte Mutter Oberin warum sie kein Tuch im Haar tragen dürfe, doch bekam sie stets die gleiche Antwort: “Weil du es nicht darfst”. Dies war wahrlich schlimm, so trugen doch alle anderen Kinder des Heimes ein Tuch und auch in den Straßen der Stadt trugen alle etwas, egal ob Hut, Turban oder Schleier um ihren Kopf zu bedecken. Auch am Gebet durfte sie nicht teilnehmen, eben weil sie ihren Kopf nicht verhüllte. Immer wartete sie vor dem Tempel und immer allein. Nur der ein oder andere Schiffsreisende oder ein paar wenige Sklaven, die es hier gab, waren auch unbedeckt und durften folglich nicht beten. Dies wollte auch keiner von ihnen. Die Kleine aber wollte, sie wollte wie die anderen Kinder des Heimes sein und gern beten gehen. So wartete sie, jeden Tag, im Sand vor dem Tempel, ohne Schatten und begafft von den Fremden. Und obwohl sie die anderen Kinder immer hänselten, wenn sie aus dem Tempel kamen, ihr Sand ins Gesicht warfen und ihr an den hellen, Tuch-losen Haaren zogen, so wollte sie doch nichts lieber als mit ihnen und einem Tuch im Haar den Tempel zu besuchen und ganz normal zu sein.

So fragte sie denn die alte Mutter Oberin jeden Tag, warum sie kein Tuch tragen dürfe. Und jeden Tag bekam sie die gleiche Antwort: “Weil du nicht darfst”. Das ging nun viele Tage, bald Wochen und bald Monate. Nun trug es sich jedoch zu, dass die alte Oberin krank wurde und verstarb. An ihrer statt trat eine neue, jüngere Oberin die Stelle der Heimleitung an. Sie war nicht nur jung, sondern hatte auch ein weiches Herz. Sie half schon lange im Heim und kannte alle Kinder. Und als das kleine Mädchen nun zu ihr kam und sie fragte, warum sie kein Tuch tragen dürfe, sagte sie, wie gelernt:“Weil du nicht darfst”, aber sah, dass das Kind von den anderen dafür verspottet wurde und wusste, dass sie stets allein im Garten des Heimes spielte und da tat es ihr Leid. Als das Mädchen am folgenden Tag wieder kam und Tags darauf wieder und am nächsten Tag erneut, da sagte die neue Oberin am vierten Tage endlich:“Weil du nicht darfst… wegen deiner Mutter.”. Da blickte das Kind sie verwundert an. “Durfte meine Mutter auch kein Tuch tragen?”. “Sie trug nie eines.”. “Wollte sie denn nicht zum Gebet in den Tempel gehen, wie die anderen?”. “Nein. Sie ging nicht in den Tempel”. Da erschrak das Mädchen und auch die Oberin, ob ihrer ehrlichen Worte, wusste sie doch wer die Mutter des Kindes war, hatte sie selbst gesehen, das gleiche helle Haar und die gleichen blauen Augen. Das Mädchen aber begann zu weinen. “Warum wollte sie nicht in den Tempel gehen wie alle anderen?”, fragte sie, während viele, große Tränen aus ihren blauen Kinderaugen kullerten. Die Mutter Oberin überlegte kurz. Dachte an das Wehklagen der Frau, als diese damals das Kind zur Welt brachte und an die dunkle Zelle und das Unglück, dass über der armen Seele hing. Sie besah sich das Kind, strich ihr über das helle Haar und sah ihr nachdenklich in die großen, meeresblauen Augen. Dann kam ihr ein Gedanke und sie sprach ruhig: “Weil deine Mutter nicht hingehen konnte, nicht wie alle anderen.”. Nochmal überlegte sie, ob sie wirklich fortfahren solle und sprach dann: “Sie konnte nicht gehen, denn… statt zwei Beinen hatte sie… einen Fischschwanz… sie war… eine Meerjungfrau… und Meerjungfrauen können nicht gehen…”. Noch immer weinte das Mädchen. “Dafür können sie… wunderschön singen… sind flink… und gewitzt… und haben… langes, helles Haar wie der Sand am Meeresboden, weiße Haut wie der Schaum auf den Wellen und blaue Augen wie die See. Alle Fische sind ihre Freunde und die Wellen ihr Zuhause! Tief im Meer spielen sie zwischen Seetang mit den anderen Meeresbewohnern Verstecken und bei Sonnenuntergang, wenn das Meer ganz ruhig ist, kommen sie hoch und winken den Fischern in ihren Boten. Sie sammeln Perlen und glitzernde Schätze von versunkenen Schiffen um sich zu schmücken und wenn es stürmt dann, oh, dann tanzen sie voll Freude auf den Wellen

und singen so schön, dass jeder vor Glück vergeht, der es hört.”. Die Oberin lächelte das Kind hoffnungsvoll an und das Schluchzen des Mädchens verstummte. “Du wirst, wie sie, nie in den Tempel gehen können, aber… das Tuch, das Tuch im Haar…”, sie riss sich etwas Stoff ihres seidenen Gewandes ab. “Tuch im Haar, dass kannst du tragen. Es darf nur nicht deinen Kopf bedecken. So begann sie dem Kind zwei Zöpfe zu drehen, einen rechts und einen links am Kopfe und verschloss diese mit den langen Stücken blauen, glänzenden Stoffes von ihrem Gewand. Da lächelte auch das Mädchen.

Von nun an fragte sie nie wieder, trug stolz ihre Zöpfe mit den blauen Bändern und wartete nicht mehr vor dem Tempel. Und wenn sie nun von anderen Kindern geärgert wurde, dass sie nicht mit in den Tempel durfte, dann sprach sie immer mit erhobenem Haupt und einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen: “Ich bin die Tochter einer Meerjungfrau!”.

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